Die Grabkammer

Gestern Abend habe ich mich noch schön mit Titus unterhalten, und es ist schon lustig, wie unterschiedlich man so einen Pilgertag angeht. Titus schläft gerne ein bisschen länger, während ich es toll finde, früh aufzubrechen. Wir tauschen uns noch ein bisschen über die nächsten Unterkünfte aus, und wahrscheinlich sind wir übermorgen schon wieder in einer Unterkunft zusammen. Dann ist es auch schon 22:30 Uhr und natürlich absolute Zeit für das Bett, und das Licht wird ausgemacht. Und jetzt ist eigentlich nur noch Schlafen dran. Ich döse leicht weg, und dann merke ich natürlich, dass ich ein bisschen anfange zu schnarchen. Ich weiß ja nicht, wie laut das ist, aber mir ist es immer wahnsinnig unangenehm. Ich glaube, Titus macht sich Ohropax rein. Jetzt denke ich natürlich nur noch darüber nach. Dabei schnarcht er auch ein bisschen. Ich hatte gehofft, dass er früher einschläft, sodass ich in Ruhe wegschnorcheln kann. Aber jetzt ist irgendwie der Absprung verpasst, und ich liege knallwach im Bett. Außerdem ist es in dieser Pilgerunterkunft unglaublich warm, auf jeden Fall in der Ecke, wo ich liege. Ich denke an mein Aufstehen, und wie ich so darüber nachdenke, verrinnt die Zeit, und irgendwann ist es kurz vor 12 Uhr. Man kennt das doch: Man hat Panik, dass man nicht mehr so lange schlafen kann, und dann kann man erst recht nicht einschlafen. Na ja, jedenfalls packe ich mir mein Kopfkissen und meine Isomatte und gehe runter zur Eingangstür, mache sie auf und dann liege ich in räudiger Pilgermania auf meiner Isomatte vor der geöffneten Tür. Ist mir aber alles egal, weil ein leichter Luftzug mich dann doch abkühlt. Außerdem habe ich mir noch saure Zungen mitgenommen, die beruhigen mich auch irgendwie, und dann schlafe ich ein.

Ein bisschen gerädert wache ich morgens auf, packe meinen Rucksack zusammen und lege das Kissen noch in das Zimmer zurück. Titus ist auch aufgewacht und hat sich wahrscheinlich arg gewundert, wo ich war. Ich habe ihm auf jeden Fall die Geschichte mit der kalten Luft erzählt – stimmt ja auch. Wir verabschieden uns und sagen bis übermorgen oder vielleicht auf dem Weg. Ich natürlich als Erstes zur Bäckerei, Baguette und Schokocroissant gekauft, und los geht’s. Es ist mäßig bewölkt, aber es zieht sich immer mehr zu. Aber noch geht es, und irgendwann komme ich an einen hübschen kleinen Fluss mit einer Brücke, und dort frühstücke ich erst mal. Ich habe mir in der Boulangerie nämlich noch einmal Quiche mit Zwiebeln geholt. Sie ist köstlich, und weil ich gerade so guter Stimmung bin, telefoniere ich auch noch mit einem lieben Freund. Als ich gerade wieder loslaufen will, kommt ein Mann um die Ecke mit einem Hund, den ich – natürlich Französisch, wie ich bin – mit „Bonjour“ begrüße, und er: „Du kannst ruhig Deutsch reden.“

Es ist Steven, der mit ein paar Jungs hier in Frankreich für zwei Wochen Urlaub macht. Und wie wir so ins Gespräch kommen, merke ich förmlich, wie froh er ist, dass wir uns einfach unterhalten können, ohne Hände und ohne Füße. Steven ist jetzt schon für sechs Wochen unterwegs, immer mal kleine andere Urlaube, und der träumt davon, die Welt zu sehen. Ich glaube, er hat sehr, sehr viel gearbeitet, ist selbstständig und nimmt zurzeit aber keine Aufträge an. Ich finde ihn sehr sympathisch, er hat ein sehr freundliches Wesen. Und Steven, wenn du das hier liest: Vielleicht besuchst du mich ja mal in der Welt. Wir verabschieden uns, und er wünscht mir von Herzen alles Gute und dass ich es schaffe. Das bedeutet mir viel. Dann laufe ich weiter.

Ich wollte in meinem Leben ja nicht viel werden: König, Archäologe und Schauspieler. Das mit dem König hat leider nicht geklappt, weil meine Mama auch gesagt hat: „König kann man irgendwie nicht werden, dazu muss man geboren werden.“ Da habe ich es aufgegeben. Archäologe wollte ich wirklich sehr lange werden, bis ich dann Schauspieler geworden bin – zum großen Leidwesen meines Opas, der natürlich gerne einen Archäologen gehabt hätte. Aber im Fernsehen habe ich mal einen Bericht von drei sehr berühmten Archäologen gesehen, die alle ihre kostbarsten Funde in die Kamera halten sollten, und es waren ausnahmslos kleine Mini-Tonfiguren. Da wusste ich: Das will ich auf gar keinen Fall machen. Ich wollte Troja entdecken, so wie Schliemann oder Tutanchamun, aber doch nicht eine kleine Tonfigur in die Kamera halten. Also habe ich schweren Herzens den Traum begraben und bin Schauspieler geworden, was mich ja auch zum König und zum Archäologen macht.

Wie dem auch sei, heute habe ich meinen großen Archäologen-Moment. Ich laufe nämlich an einem Haus vorbei und sehe ein Fenster, das über und über von innen mit Spinnweben verhangen ist. Das ist mir schon öfter begegnet, und dann laufe ich meistens hin und gucke hinein. Oft sind sie einfach zugemüllt; letztens habe ich ein ganz kleines Zimmer gesehen, das über und über mit alten VHS-Kassetten voll war. Aber hier steht eine Kirche in der Mitte. Obwohl ich eigentlich den Versuch für absolut sinnlos halte, gegen die Tür zu drücken, mache ich es jetzt trotzdem, und sie geht auf, und ich stehe in der Grabkammer. Und wenn Tutanchamun kein Pharao, sondern Schreiner gewesen wäre oder Handwerker, dann würde es genauso aussehen. Überall hängen Werkzeuge, Hämmer, noch halbfertig geschnitzte Sachen. Es ist wie ein kleines Museum, in dem einfach unglaublich lange keiner mehr war. Ich bin irgendwie überwältigt und beglückt. Ich schaue mir alles genau an, und am liebsten würde ich natürlich alles mitnehmen. Denn was macht man als Archäologe? Man findet Schätze und nimmt sie mit. Und dann verkauft man sie in seinem Land und muss sie später zurückgeben. Aber eine Postkarte, die auf dem Boden liegt – die nehme ich mit. Und dann verlasse ich die Grabkammer unberührt.

Meine Gedanken hängen noch lange in diesem kleinen Raum fest, als ich ein Klicken über mir auf den Blättern höre. Heute ist ja wirklich alles drin, denn es fängt an zu regnen. Also packe ich das erste Mal meine Regenjacke aus – juhu, endlich nicht umsonst mitgeschleppt! Ich packe meinen Rucksack in meine Regenhülle und stapfe gut gelaunt durch einen zugegeben recht kurzen Sommerregen, aber immerhin. Als letzte Zwischenstation, bevor ich ankomme, habe ich rausgefunden – weil es ja eigentlich kein Geschäft gibt –, dass es eine Autobahnraststätte gibt, die man laut Wanderführer durch einen Umweg erreichen kann und die mit Essen gut ausgestattet ist. Ich gucke mir den Wanderführer an, und irgendwie sieht es so aus, als gäbe es da noch einen Weg, der irgendwie kürzer wäre. Also laufe ich den und merke ziemlich schnell, warum er nicht im Reiseführer steht, denn ich kämpfe mich durch amazonasartige Vegetation und lande auf einem großen Acker, den ich dann mit Klumpen an den Füßen überqueren muss und so die Tankstelle einsaue.

Eigentlich brauche ich gar nicht so viel zu essen, weil ich ja Salami und Baguette habe, aber allein, weil ich mir was kaufen will, kaufe ich mir einen 14-Euro-Salat, der mäßig gut schmeckt. Egal, es hat aufgehört zu regnen, der Himmel klart auf, und ich laufe den letzten Rest, den ich mir vorgenommen habe, in den Wald hinein und baue dort mein Zelt auf. In meiner Hängematte liegend schreibe ich den Newsletter und mein Tagebuch, und jetzt gibt es gleich Salami mit Baguette, und das – weiß ich – ist richtig lecker.

Schön, dass du dabei bist!

Florian!

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9 Kommentare zu „Die Grabkammer“

  1. Am neidischsten bin ich ja heute auf den Regen!
    Hier ist der Rhein bald ganz trocken.
    Ich glaub, zu Fuß rübergehen kann man jetzt schon.

    Aber die Schreinerschatzhöhle kommt definitiv gleich danach.
    Was für ein wortwörtlich zauberhafter Ort.
    Daran hing jemandes Herz. Und das schlägt da vermutlich heute noch.
    Ich glaube, da hat sich heute einer auf seiner Wolke total gefreut, daß er doch nochmal jemand begeistern konnte mit dem, was sein Leben war.
    So schön!

    Es ist wirklich verrückt. welche Schätze und besonderen Momente und Begegnungen einfach so auf dem Weg liegen, wenn man ihn denn auch geht.

    Eine gute Nacht im Zelt, wo es nicht schlimm ist, wenn man schnarcht, im Gegenteil sogar, vertreibt die Wildschweine! 😉

    1. Ja der Regen war leider ja nur ganz ganz kurz hier herscht auch absolute trokenheit in dem ganzen monat den ich jetzt unterwegs bin hat es nur einmal etwas geregnet das ist doch irre

  2. Erstmal sorry für meine späte Antwort! Ich habe mich wirklich gefreut, dich so zufällig kennenzulernen.

    Ich wünsche dir weiterhin alles Gute für deinen Weg und noch viele tolle Ergebnisse! Alles Weitere besprechen wir später mal, ich muss erst einmal ein paar Dinge zuhause erledigen bevor ich mich wieder auf den Weg machen kann. Bis dahin, gute Reise und pass auf dich auf. Wir bleiben in Kontakt!

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