Wenn ich abends so dasitze wie jetzt z. B. vor der Kathedrale in Langres und mein Abendessen esse, das ich mir gerade bei Carrefour Express gekauft habe, dann schaue ich mir die Bilder des Tages an und merke selber oft erst am Abend, wie viele kleine Momente mir am Tag begegnet sind.
Heute bin ich ja mal wieder sehr früh aufgestanden. Das heißt, ich wollte sehr früh aufstehen. Es ist dann aber doch 6 Uhr gewesen, was natürlich immer noch früh ist, aber natürlich nicht „32-Grad-früh“ genug. Egal, die Sonne ist noch nicht aufgegangen und ich bin schon unterwegs. Gestern war ja schon so ein herrlicher Waldtag, dass ihr nur Lyrik bekommen habt. Heute setzt es sich genauso schön fort. Vielleicht sogar noch schöner. Kurz überlege ich, ob ich noch schönere Gedichte schreibe, aber das verwerfe ich jetzt mal.
Ich also raus aus dem Dorf, wo ich gestern übrigens noch mal abends 4 km gelaufen bin – in ein anderes kleines Dorf, weil dort Markttag war, und das war wirklich herrlich. Eigentlich bin ich nämlich, glaube ich, in einer Ecke von Frankreich, wo fast keiner ist. So fühlt es sich auf jeden Fall an, wenn ich durch die Gegend laufe. Es ist so still, dass man gar nichts hört. Kein Auto, kein Flugzeug. Nur Vögel und einen Specht. Vielleicht. Aber wenn Markttag ist, kommen alle mit ihren Autos aus ihren Dörfern gefahren und treffen sich. Ich esse ein köstliches, selbstgemachtes Erdbeereis und Pommes mit irgendeinem gebratenen Fleisch, setze mich auch an die langen Bänke und sofort spricht mich eine Familie an. Sie hat mich nämlich runterlaufen sehen. Was für sie schon ganz schön irre ist, glaube ich. Ich erzähle, dass ich den Jakobsweg laufe, und dann sagen sie etwas, was ganz oft Leute zu mir sagen und was ich wahnsinnig schön finde. Und was es so im Deutschen gar nicht gibt oder man nicht mehr verwendet: Mir wird immer „Bon Courage“ gewünscht. Gute Courage – das erinnert mich immer an den Zauberer von Oz und den Löwen, dem es an Courage fehlte. Es ist immer wie ein kleines Lob, wenn die Menschen das zu mir sagen.
Manchmal sehen sie mich einfach nur und rufen mir hinterher: „Bon Courage!“ Wie schön ist das denn?
Das müsste man mal in Deutschland machen: Leuten mit Rucksack hinterherrufen: „Guten Mut!“ Aber zurück zum Wald. Ich trotte also durch kleine Waldwege einen Berg runter. Plötzlich höre ich ein Rascheln – und zwar nicht so ein leises, sondern ein ziemlich lautes – und direkt vor mir rast eine Rotte Wildschweine über den Weg. Ich bin verwirrt, die Wildschweine auch: Sie rennen hin und dann rennen sie wieder zurück. Eins bleibt stehen. Ich fotografiere es schnell und dann rennt es auch weg. Das ist toll! Auch wenn ich natürlich kurz denke: Du musst aufpassen vor den Keilern oder einer Mutter, die ihre Jungen beschützen will. In meinem Kopf sehe ich mich vor einem Keiler wegrennen und mich hinter einem Baum verstecken und überlege, was er dann wohl macht und ob das eine gute Taktik ist. Na ja, vielleicht kriege ich ja beim nächsten Mal die Möglichkeit, es auszuprobieren.
Und plötzlich, mitten im Wald: eine Kapelle. Aber nicht so eine ganz kleine, sondern eine richtige Steinkapelle. Bei solchen Momenten denke ich immer: Wann war wohl der Zeitpunkt, an dem jemand gesagt hat: „Hier bauen wir eine Kapelle hin, weil es das hier einfach braucht“? Und mit was für Gerätschaften sie sie gebaut haben … sind sie dann mit Pferdefuhrwerken und den großen Steinen gekommen? Und als sie neu war, 1600 oder 1700 irgendwas, sind dann regelmäßig Leute dorthin gekommen, ganz oft, und haben sich an der neuen Kapelle erfreut. Ich gehe rein und sie sieht wirklich sehr schön aus, denn die Sonne strahlt genau durch eines der Fenster hinter dem Altar und wirft ein buntes Lichtbild auf den Boden. Ich gehe noch in die kleine Krypta, dort ist ein geflochtener Kranz aus Blumen, längst verdorrt. Auch hier wieder die Frage: Wer saß wohl da und hat ihn gemacht und warum hierhergelegt?
Und dann beginnt er wieder, der Mittag, den ich nur so halb liebe. Heute muss ich ja 32 km laufen. Und um 12:30 Uhr habe ich, glaube ich, immer noch 14 km vor mir, aber irgendwie habe ich jetzt die Schnauze voll. Ich baue meine Hängematte auf und verbummle einfach eine ganze Stunde in der Hängematte – was den Mittag zwar vertreibt und auch sehr angenehm ist, abgelöst wird er aber von seinem bösen Bruder, dem Nachmittag, der noch heißer ist.
Eine lustige Begegnung habe ich noch: Als ich so laufe und eigentlich niemand unterwegs ist, kommt mir weit und breit ein Mann mit freiem Oberkörper in seinem alten Peugeot entgegen, der Schritttempo fährt. Ich frage mich die ganze Zeit, warum, bis ich den Grund sehe: Ein kleiner Hund rennt neben dem Auto her. Er fährt sozusagen den Hund Gassi! Also manchmal sind sie schon ganz schön verrückt, die französischen Dorfbewohner. Er kurbelt das Fenster runter und fragt, wo es hingeht. Ich sage: „Compostela!“, er: „Bon Courage!“.
Gleich soll ich ja an einem See vorbeikommen. Ich freue mich schon darauf hineinzuspringen! Aber als ich angekommen bin, ist er halb ausgetrocknet und mit Algen bewachsen. Das ist eine ziemliche Enttäuschung. Aber – und jetzt kommt es – bei einer Grünfläche am See treffe ich meinen ersten Mitpilger: Titus. Er kommt auch aus Deutschland, ist in Fulda losgelaufen und läuft bis Le Puy. Wir unterhalten uns kurz. Ich frage ihn, ob er auch in der Pilgerherberge in Langres übernachtet. Er sagt ja und ich: „Na, dann sehen wir uns!“
Denn nach Langres ist es noch eine Stunde und 30 Minuten, davon steil bergauf bei 31 Grad, nachdem ich schon ungefähr 50.000 Schritte gelaufen bin.
Aber ich werde belohnt durch eine richtige Pilgerherberge. Die Herbergsmutter macht mir auf, gibt mir einen Stempel, ich dusche mich und dann lege ich mich erst mal ins Bett. 20 Minuten später kommt Titus und wir haben ein sehr angenehmes, schönes Gespräch. Das Gute ist: Wir werden uns bestimmt die nächsten Tage noch öfter mal treffen.
Aber jetzt gehe ich mir erst mal was zu essen kaufen und setze mich vor die Kathedrale.
Und wie ich die Bilder so anschaue, merke ich, dass ich heute ganz schön viel erlebt habe.
Schön, dass du dabei bist!
Florian
Bilder des Tages
Da bin ich
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Was für ein wunderbarer Tag!
Da war ja jetzt alles dabei…Natur pur (und auch noch Schweine! Neid!)….nette Menschen ( und“bon courage“ merke ich mir und wenn ich es nur mir selber ab und an wünsche). eine reelle Unterkunft…und ein Abendessen vor einer Kathedrale.
Viel besser geht es ja nicht.
Nur ein paar Grad kühler wäre nett.
Als Neurentner muß ich mir ja neue Routinen schaffen.
Dein Reiseliveticker gehört jedenfalls momentan definitiv dazu.
Große Freude jeden Tag!
Ich wünsch Dir und Titus eine geruhsame Nacht!
Haha sehr gut Eva und zu meiner Routine gehört er auch ;))))
Da hat sich deine Courage auch heute richtig gelohnt; welch ein erfüllender Tag !
Bonne nuit! Und Buen Camino mit gutem Mut für morgen ☀️
Danke für’s Mitnehmen !
Die Wildschweine sehen wirklich aus wie bei Asterix. Bon Courage!
Das stimmt 🤣
Der frühe Vogel trifft das Schwein🐗
🤣🤣🤣
Oh, ich hätte Wildschweinangst gehabt 🙈 weißt du wie viele Kilometer du von den 2600 schon gegangen bist?
Schlaf gut 🩵
ich galube so 600 vielleicht.Aber so richtig weiß ich es nicht.
Ausserdem hatten die Wildschweine mehr Angst vor mir 🤣
💖