Die Geschichte von der gewöhnlichen Liebe
Es war einer der Tage, an denen man einen Geruch das erste Mal riecht und ihn dann ein Leben lang nicht mehr vergisst. Nicht, dass man ihn jeden Tag in der Nase hätte – nein, er kommt völlig unerwartet, und schon ist man wieder sechzehn Jahre alt und taucht gerade aus dem Wasser eines Freibades auf, nachdem man einen wirklich tollen Köpfer vom Einer gemacht hatte. Man hat noch etwas Chlor in der Nase, wie ein leichtes Ziehen, als ob man niesen müsste.
Doch darüber dachte das Mädchen gar nicht nach, als es in die Augen des Jungen blickte, der sich am Beckenrand festgeklammert hatte und ein wenig zu spät wegsah. Es hatte ihr gefallen, was sie in seinen Augen gesehen hatte: Er hatte nicht ihre Schönheit gesehen, sondern ihren Mut – und so etwas merkt eine junge Frau sofort.
Der junge Mann klammerte noch immer am Rand des Beckens und traute sich nicht, sich umzudrehen. Wie seltsam, dass man manchmal das, was man am meisten will, nicht anschauen kann. Doch jetzt hatte er plötzlich Angst, dass das, was er jetzt schon an Hoffnung im Herzen hatte, durch einen erneuten Blick verloren gehen würde. Das alles spürte auch sie. Und da er sich – so viel sei verraten – nicht getäuscht hatte, beschloss sie, ihm zu helfen. Sie schwamm an die Leiter, die genau an der Seite des Beckens war, wo der junge Mann konzentriert nach außen auf die Liegewiese starrte. Langsam ging sie an ihm vorbei.
Er wusste sofort, dass es ihre Beine waren. Er erkannte sie an ihrem Knöchel, obwohl er ihn noch nie gesehen hatte; er war atemberaubend. Dann fiel plötzlich etwas zu Boden und die bezaubernden, mutigen Knöchel marschierten stramm Richtung Liegewiese. Vor ihm lag ein Haargummi, unscheinbar, hellblau, mit ein paar dunklen Haaren. Und wie es so haarig und feucht auf dem warmen Asphalt vor sich hindampfte, wurde er zum Schlüssel seiner Liebe.
„Ich glaube, du hast das verloren.“
Und so hatten sie sich gefunden.
Es war nicht ihr erster Urlaub, den sie zusammen machten, aber nach vier Jahren standen sie das erste Mal zusammen in einem Reisebüro. Beide waren aufgeregt und fühlten sich sehr erwachsen. Sie hatte seine Hand fest umschlossen und spürte, wie sie langsam schwitzig wurde – was immer passierte, wenn er sich bemühte, möglichst cool zu sein. Er hörte schon dieses leise Grunzen, das ein unkontrolliertes Lachen ankündigte, was ihm immer etwas peinlich war, ihm aber auch signalisierte, dass er alles richtig gemacht hatte.
„Wir haben vor, vier Wochen auf Zypern zu verbringen“, grunzte es aus ihr heraus, so ernst sie konnte.
„Ja, genau. Hotel Jason, Paphos, All-inclusive!“
Dann war der Raum erfüllt von Lachen und Tränen in ihren Augen und dem Versuch, auch noch den Rest ihrer Vorstellung von dem Urlaub der verdutzten Dame hinter dem Computer klarzumachen – und seine Hände zerflossen. Was als Albernheit in ihrer Küche angefangen hatte, endete mit einer ausgedruckten Buchungsbestätigung und seinem Blick auf ihrem hin- und herwippenden Pferdeschwanz.
Jetzt fuhren sie auf einem roten Roller durch Pinienwälder in warmer Luft. Sie hatte ihre Hände fest um ihn geklammert, und er hatte Sonnencreme auf der Nase, die nur spärlich die Brandblasen der letzten Tage daran hinderte, größer zu werden. Alles war gut. Und dann, wie eine Fliege, setzte sich kurz ein Gedanke in seinen Kopf. Er rechnete innerlich nach, wie lange der Urlaub noch dauerte. Sie schloss die Arme noch fester um ihn und die Fliege verschwand. Aber wie Fliegen nun mal sind: Wenn sie einmal da waren, kommen sie immer wieder.
Es verändert sich eigentlich nichts. Abends saßen sie jetzt manchmal zusammen auf dem Sofa. Sie hatten es sich zusammen von ihrem ersten gemeinsam verdienten Geld gekauft. Wenn er mit einem geöffneten Mund, leicht schnarchend, auf dem Sofa eingenickt war, drückte sie seine Kinnlade zärtlich nach oben, ohne ihn zu wecken, und das Schnarchen hörte auf. Nur manchmal gab sie ihm jetzt ein kleines Mikrofasertuch, das sie immer bei sich hatte, wenn seine Hände bei wichtigen Anlässen doch zu schwitzig wurden. Und er fragte nun manchmal, ob sie erkältet sei, wenn das Grunzen eigentlich ein Lachen ankündigen wollte. Aber nichts davon fiel ihnen auf und, ehrlich gesagt, es war auch nicht weiter schlimm. Es war halt so.
Und dann, wie wenn man mit einem Fahrrad ohne Pedale einen Berg runterfährt und so viel Schwung hat, dass man fast noch mal genauso hoch kommt – so nahm ihre Liebe Anlauf, als er seine Tochter ansah, die noch ein wenig schleimig und zerknautscht auf ihrem Bauch lag. Er musste lachen, als der kleine Wurm leise grunzte, bevor er anfing zu weinen, und sie hielt seine verschwitzten Hände fest umschlossen und sie sahen sich an.
Dann ein zweites Kind, wieder ein Mädchen. Sie sahen es voller Liebe an, doch aus dem schleimigen, zerknautschten Grunzen war ganz unmerklich ein Summen geworden in ihren Köpfen. Ohne dass sie es wirklich hörten – wie lange noch? Kurz nur, dann war es vorbei. Er packte ihre Sachen und zu viert gingen sie nach Hause. Seine Hände schwitzten nicht.
Lange wurde das Summen überdeckt von dem Aufwachsen der Kinder. Durch sie sahen beide noch mal das Staunen über den ersten Schnee, die tiefe Traurigkeit, als ihre Urzeitkrebse starben, und das Glück – aber auch den Neid, wenn ein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum größer war als das andere. Aber sie sahen es eben nur.
Die Kinder gingen zur Schule, und er stellte vor seiner Arbeit noch Stühle in dem Eiscafé auf, das zwei Straßen weiter ziemlich versteckt lag. Um 17:30 Uhr ging sie los, um die gleichen Stühle wieder zurückzustapeln. Manchmal gab es zum Mittagessen Semmeln mit Kakao und die Kinder freuten sich darüber, genau wie über den Urlaub in Lido di Jesolo einmal im Jahr – oder im Winter nach Mallorca, dann spielten sie ausgelassen im Pool Voltigieren.
Wenn es Streit gab, sagte er immer: „Geh damit zur Mutter“, und sie: „Vater macht das schon.“ Sie waren ein gutes Team geworden, und als die Kinder auszogen, wurden die Namen einfach beibehalten. Dann wurde es still, nur unterbrochen von Weihnachten und … nur von Weihnachten.
Und sie saßen auf dem Sofa, sahen sich an und hörten das Summen. Dann fuhr sie ihm mit einer Hand über sein Haar, das lange nicht mehr so störrisch war wie früher. Während sie eine Haarsträhne hinter sein Ohr strich und ihn ansah, sagte sie leise: „Vater, wir müssen etwas tun.“
Und er nickte.
Sie blieben lange sitzen, bis sich ihre Blicke senkten, gleichzeitig synchronisiert von einem Leben, auf das Möbelstück, auf dem sie saßen. In ihren Herzen flackerte die Erinnerung auf, wie der Geruch von Chlor, als jenes Möbelstück ein Versprechen auf die Zukunft gewesen war. Ein fast schüchternes Grunzen, ein Lachen, ein Leuchten in den Augen – und seine Hände begannen zu schwitzen. Es brauchte keine Erklärungen für den Plan, der sich in diesem Moment festsetzte.
Am nächsten Morgen saßen sie schweigend im Auto, aber es war ein geschäftiges, ein leichtes, ein fröhliches Schweigen. Er hatte sich ordentlich gekämmt und sie hatte das gute Kleid an mit Strumpfhose – der Knöchel: atemberaubend. Als sie auf den Parkplatz rollten, ragte das Gebäude vor ihnen auf wie eine Kathedrale aus Glas und Stahl. Die bunten Fahnen flatterten nervös im Wind. Beide waren wahnsinnig aufgeregt.
Er spürte, wie seine Hände in der Tasche feucht wurden. Sie sah ihn an und griff nach dem Mikrofasertuch, dann ließ sie es los und schob ihre Hand zu seiner in die Tasche hinein. Er umklammerte sie, so fest er konnte.
Dann standen sie vor der schweren, lautlosen Glastür von Möbel Lutz XXL. Die Automatik registrierte ihre Ankunft, die Türflügel glitten wie von Geisterhand auseinander, und gemeinsam traten sie über die Schwelle in die perfekt ausgeleuchtete Welt.
Fast ein wenig schüchtern betraten sie das, was Wohnlichkeit für alle versprach. Er sah ein ultramodernes Sofa mit Radio an der Seite; es war riesig, XXL halt, und ein noch junges Paar saß darauf. Entschlossen marschierte er darauf zu, und dank seiner schwitzenden Hände konnte sie ihn auch nicht mehr zurückhalten. Er baute sich vor dem Sofa und dem darauf sitzenden Paar auf wie ein General, drehte sich um die eigene Achse und ließ sich völlig unverantwortlich in das Sofa sinken.
Das Paar starrte ihn nur irritiert an, dann standen sie kopfschüttelnd auf. Hinter ihm grunzte es. Und lachend sagte sie: „Komm schon, Otto, erschreck die jungen Leute nicht!“
Sein Herz krampfte kurz, um dann so groß zu werden, wie seid … er konnte sich nicht erinnern. „Komm schon, Otto“, klang es noch in seinen Ohren, und er sprang auf, um sie in den Arm zu nehmen – so jedenfalls hätte er es gemacht, wenn es auch nur die geringste Möglichkeit gegeben hätte, aus diesem viel zu weichen Sofa rauszukommen, in das er hoffnungslos eingesunken war.
„Lotte, hilf mir doch!“, bettelte er. Immer noch grunzend und lachend schaltete sie das Radio an der Sofaseite an und versteckte sich hinter einer Säule. Die Musik dröhnte so laut: „Ein bisschen Frieden“, was das Ganze noch absurder machte, bis er endlich befreit wurde von einem großgewachsenen Mitarbeiterrecken. XXL halt, dachte er und ging zu ihr.
Das heißt, er wäre zu ihr gegangen, wenn sie noch hinter der Säule gestanden hätte – aber keine Lotte weit und breit. Dann endlich sah er sie, winzig und zart vor einer riesigen Schrankwand aus furniertem Holz stehen. Es war kein hässliches Ding aus Eiche rustikal, sondern hatte etwas Leichtes, ja geradezu Verspieltes, auch wenn sie XXL war.
Und er stand hinter ihr, wie sie damals hinter ihm auf dem Roller gesessen hatte. Seine Arme schlangen sich um sie und ihre Hände landeten auf seinen – und keine Fliege summte weit und breit.
Sie beide wussten: In diesen überdimensionierten Setzkasten konnten sie ihr ganzes Leben wie ein Bild malen. All die Erinnerungen, die in Kisten verstaut waren, würden ihnen ihr Leben und das Glück von damals zurückbringen – und eine neue Zukunft.
Glücklich und 1400 Euro ärmer verließen sie Möbel Lutz XXL. Auf dem Weg zum Auto gab sie ihm das Mikrofasertuch, und er wischte sich die Hände.
Aufgebaut wirkte die Schrankwand überhaupt nicht wie ein Versprechen, sondern wie eine Wand mit leeren Augen. Und je mehr sie von ihrer Vergangenheit in hohle Kästen stopften, je mehr bunter Krimskrams aus vergangenen Urlauben ihnen entgegenschrie, umso stiller wurde es. Wie seltsam, dass man manchmal das, was man am meisten will, nicht anschauen kann.
Das Summen kam zurück und blieb. Es nistete sich in jedem Fach ein, nur unterbrochen von dem Fernseher in der Mitte, der achtmal am Tag eingeschaltet wurde, um Nachrichten zu schauen – und dabei schlief er ein.
„Vater, mach den Mund zu, du siehst doof aus!“
Er öffnete die Augen und ging ins Bad. Sie hatte aufgehört, sich die Ohren reinzutun; es wurde ohnehin nicht mehr geredet. Und dann starb er.
Auf seiner Beerdigung wurde sie von den Kindern im Rollstuhl an das Grab geschoben. Der Pfarrer hielt eine Rede; er sagte, er war ein viel gereister Mann und jetzt hätte er es besser. Der Pfarrer verlor kurz das Gleichgewicht und machte einen großen Schritt über das offene Grab. Dann wurde sie weggeschoben und ganz leise murmelte sie: „Und er hat mich nicht mitgenommen.“
Zwei interessierte ältere Damen gingen noch kurz zum Pfarrer und baten ihn, bei ihren Beerdigungen bitte das gleiche Ritual mit dem Schritt übers Grab zu machen. Dann begann es etwas zu nieseln, hörte wieder auf, und alle waren gegangen.
Sie saß vor der Schrankwand. Keine KINachrichten liefen mehr, nur die Tage. Morgens wurde sie vor die Schrankwand gefahren – in einem Seniorenheim, wo man, ohne sie zu fragen, ihre Wohnung nachgebaut hatte, damit sie sich möglichst zu Hause fühlen sollte – und abends wieder ins Bett.
„Weißt du, Otto, ich mache, was ich will“, sagte sie. Keine Antwort. Und obwohl sie die Ohren nie mehr reinmachte, hörte sie das Summen die ganze Zeit: Wie lange noch? Sie…
Es roch nach ….
Ein junges Paar ging verliebt und scherzend die Straße entlang und kam an einem großen Haufen Sperrmüll vorbei. Eine Haushaltsauflösung, so schien es: lauter kitschiger, bunter Krimskrams, eine hässliche Schrankwand und ein ganz lustiger Blumenkübel. Sie hob ihn auf, er musste lachen, und sie nahmen ihn mit und verschwanden die Straße hinunter.
Es war Frühling.
